Erklärvideos als Forschungsgegenstand (1): Wann ist ein Erklärvideo ein Erklärvideo?

Eine Reihe! Hier im Blog geht es ja um ganz unterschiedliche Dinge. Um mich aber einem Thema mal ganz ausführlich zu widmen, wird es eine kleine Reihe zum Thema Erklärvideos geben. Hier möchte ich zusammentragen, was es bereits an Forschung zu diesem Format gibt und was davon tatsächlich für die Praxis nützlich ist – egal in welchem Fachbereich.

Es geht los mit einer grundsätzlichen Frage: Wann genau spricht man eigentlich von Erklärvideos? Und gibt es überhaupt einen Unterschied zu Tutorials oder Lernvideos? Und warum ist so eine Unterscheidung überhaupt relevant?

Das ist jedenfalls ein weites Feld, Luise …

Von Lehrfilm bis Tutorial

Einen Überblick über die verschiedenen Begrifflichkeiten liefert zunächst einmal Wolf. In seiner „Typologie erklärender Filme“ unterscheidet er folgende Formate (vgl. dazu Wolf 2015b, 122 f.):

  • Lehrfilme: Damit sind überwiegend professionell produzierte Filme gemeint. Sie werden speziell dafür produziert, Lernprozesse zu unterstützen, daher sind sie auch stark didaktisch aufbereitet.
  • Erklärvideos: Diese Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht professionell, sondern in Eigenproduktion gestaltet werden. In ihnen wird entweder ein abstraktes Konzept erklärt oder es wird erläutert, wie man etwas macht oder wie etwas funktioniert.
  • Video-Tutorials: In dieser Unterart von Erklärvideos wird eine Handlung vorgemacht, damit der Zuschauer sie nachmachen kann.
  • Performanzvideos: Wird in den Videos nur eine Handlung gezeigt, aber nicht explizit erklärt, handelt es sich um Performanzvideos. Hier wird ohne didaktische Aufbereitung nur etwas (zur Selbstdarstellung) vorgemacht.

Lehrfilme sind also solche, die wir von früher noch aus der Schule kennen, wenn der Lehrer eine Videokassette (oder sogar eine DVD – revolutionär!) zeigte. Sie begegnen uns aber auch im Wissenschaftsfernsehen. Sie wurden extra mit hohem Aufwand dafür gefertigt, einer bestimmten Zielgruppe einen bestimmten Inhalt zu vermitteln. Dadurch unterscheiden sie sich oft deutlich von durch Einzelpersonen produzierte Erklärvideos: „Erklärvideos sind durch eine überwiegend informelle Gestaltung und Ansprache geprägt und weisen eine hohe Bandbreite von sehr sachorientierten bis hin zu unterhaltenden Erklärformaten auf“ (ebd., 124). Lehrfilme sind deutlich formeller.

Die Grenzen können – laut Wolf – allerdings fließend sein.

Merkmale von Erklärvideos (nach Wolf)

Wolf grenzt die einzelnen Erklärformate nicht nur voneinander ab, sondern beschreibt die Erklärvideos als Genre auf kostenlosen Videoplattformen noch genauer: Sie sind durch eine thematische und gestalterische Vielfalt sowie durch einen informellen Kommunikationsstil und eine Diversität in der Autorenschaft gekennzeichnet (vgl. Wolf 2015a, 31 f.).

In Erklärvideos werden hoch-spezialisierte Inhalte verarbeitet. Während Lehrfilme durch das Kriterium der Wirtschaftlichkeit beeinflussbar sind (möglichst zentrale Themen sorgen für eine breite Masse an Zuschauern), können Erklärfilme auch Sparten-Themen beinhalten, die nur für eine geringe Zahl an Zuschauern von Interesse sind.

Wie auch bei anderen Videoformaten auf Videoplattformen wie YouTube zeigen sich Unterschiede in der Gestaltung der Videos. „Der Expertenstatus von Erklärvideoproduzenten reicht von Inhaltslaien bis hin zu Inhaltsexperten“ konstatiert Wolf (ebd., 31). Ebenso variieren die Videos in ihrer didaktischen und technischen Gestaltung, in ihrem Aufwand und ihrer Dauer.

Auch im Kommunikationsstil – wie oben schon angedeutet – passen sich die Erklärvideos den Portalen an. Es gibt wenige Hierarchien, es wird geduzt, es wird Humor eingesetzt (vgl. ebd., 32).

Theorie trifft Realität?

Valentin dagegen stellt klar: Eine wissenschaftlich anerkannte Definition der erklärenden Videos gebe es bisher nicht. Weder unter den Produzierenden noch unter den Forschenden herrsche Einigkeit darüber, wie man dieses Format nun bezeichnen solle. Sie selbst nimmt daher keine derartige Unterscheidung vor und bezeichnet die Videos, in denen etwas erklärt wird, einheitlich als Tutorials (vgl. Valentin 2016).

Bei anderen Autoren oder auch auf YouTube selbst finden sich auch Bezeichnungen wie Lernvideo oder Lehrvideo. Lernvideos definiert z. B. Sperl als „Umsetzung eines Vortrags in einem anderen Medium“ (Sperl 2016, S. 102), weshalb ein gutes Lernvideo für ihn ein guter Vortrag und eine gute technische Umsetzung ist. Er unterscheidet in Vortragsaufzeichnungen (Vorlesungen, Expertenvorträge), Animationen (Legevideos, Stop Motion, gezeichnete Animationen) und Screencasts (Experimente, Spielszenen, Bewegungsabläufe). Weiterhin konstatiert er, dass es davon auch Mischformen gibt. (Sperl 2016, S. 102–105)

Die Frage der Differenzierung der Begriffe wurde auch schon auf Twitter diskutiert:

Das ist eine Möglichkeit (wenn auch in diesem Fall keine repräsentative), sich den Begriffen zu nähern: Wie werden Sie tatsächlich im Alltag gebraucht? Insgesamt herrscht hier jedoch wenig Einigkeit.

In einem Punkt scheint Valentin also Recht zu haben: Wer ein Erklärvideo produziert und auf YouTube hochlädt, unterscheidet nicht (bewusst) zwischen den Begriffen. Jemand, der sich selbst beim Gitarrespielen filmt, lädt das Video dann nicht als Performanzvideo hoch und unter Tutorial finden sich auf der Plattform auch rein theoretische Videos mit abstrakten Inhalten.

Also: Wonach differenzieren?

Aus Sicht der Forschung ist es aber dennoch sinnvoll, zwischen den einzelnen Subgenres zu unterscheiden. Videos, in denen etwas vorgemacht und erklärt wird, bedienen sich schließlich anderer Mittel als solche, in denen nur etwas vorgemacht und nicht erklärt wird. Videos, in denen Begriffe, Zusammenhänge oder abstrakte Theorien erklärt werden, sind wiederum anders konstruiert und nutzen Bilder, Grafiken oder andere Visualisierungen, um etwas verständlich zu machen.

Aber auch für die Praxis sind unterschiedliche Formate von Interesse: Immer dann, wenn ich selbst ein solches Video produzieren will, ist es von Vorteil, wenn ich weiß, was genau ich da eigentlich produziere (klingt logisch).

Unabhängig davon, wie man die einzelnen Videos nun nennt: Sie sollen alle Wissen vermitteln. Aus theoretischen Überlegungen heraus lassen sich diese Videos beispielsweise differenzieren nach:

a) Professionalität

Gibt es ein fünfköpfiges Filmteam, das mit (semi-)professioneller Technik zwei Tage lang an der Produktion eines halbstündigen Films arbeitet und das zuvor ein ausführliches Drehbuch gescriptet hat, indem selbst die Sprechtexte der (semi-)professionellen Schauspieler*innen festgelegt wurden? Oder hat ein*e Einzelne*r mit dem Smartphone ihre/seine Notizen abgefilmt und dazu spontan erklärt?

Es dürfte klar sein, dass sich beide Varianten deutlich voneinander unterscheiden. Die professionelle Variante muss dabei aber auf Ebene der Erklärung nicht zwangsläufig besser sein! Zumal es nicht nur den einen oder den anderen Fall geben muss. Das Kriterium der Professionalität ist graduierbar. Und wer länger im „Geschäft“ ist, strebt sicher auch eine professionalisierte (technische, gestalterische und didaktische) Umsetzung an.

b) Kontext: Kommunikationsbereich, Produzierende und Rezipierende, Einsatz

Wer produziert denn das Video eigentlich? Und für wen? Und wann und wozu soll es eingesetzt werden?

Ein erstes Teilkriterium ist also die Zuweisung des Kommunikationsbereichs: Schule, Hochschule, Ausbildung, Weiterbildung, Werbung … Jeder Bereich hat, auch aufgrund der dort agierenden Zielgruppe, unterschiedliche Anforderungen, Herausforderungen und Erwartungen. Will man Schüler*innen erreichen? Oder potenzielle Kunden und Kundinnen? Gehen wir davon aus, dass wir uns zumindest nur im Bereich der Bildung bewegen. Wer produziert die Videos? Lehrende mit einem gewissen Expertenstatus? Studierende eines Fachs? Kommerziell orientierte Anbieter? Absolute Laien, die vom Thema mal etwas gehört haben?

Auch nach Art des methodischen Settings kann man die Videos voneinander abgrenzen. Sie können einen theoretischen Input geben, zur Motivation und Aktivierung eingesetzt werden, einen Praxistransfer aufzeigen usw.

c) Sprachliche Handlungen

Je nach zu vermittelndem Wissen wird in den Videos auch unterschiedlich gehandelt. Auch, wenn die Dinger oft als „Erklärvideos“ bezeichnet werden, wird hier nicht immer erklärt. Manchmal bleibt es beim Definieren, beim Beschreiben, beim Demonstrieren, manchmal wird instruiert, manchmal auch erklärt. Die sprachlichen Handlungen werden in der Regel durch weitere Zeichenmodalitäten wie bspw. bewegtes oder stehendes Bild ergänzt.

In sehr komplexen Videos bleibt es nicht bei einer Sprachhandlung.

d) behandelte Gegenstände und Inhalte und Komplexität des Inhalts

In Anlehnung an das zu vermittelnde Wissen kann man auch nach den Inhalten und behandelten Gegenständen differenzieren. Gegenstände eines wissensvermittelnden Videos könnte z. B. sein:

  • (Fach-)Termini, Fremdwörter, Vokabeln
  • Regeln
  • Theorien, abstrakte Konzepte
  • (technische, chemische, historische …) Prozesse und (chronologische, historische …) Abläufe
  • Orte, Gebäude
  • Geräte, Software
  • Interviews, Gespräche, Diskussionen
  • Interaktionen usw.

Hinzu kommt die Komplexität des dargestellten Inhalts: Ich kann in einem Video eine bestimmte Rechtschreibregel aufzeigen und am Beispiel erklären, ich kann aber in einem Video auch alle möglichen Rechtschreibregeln erklären.

e) Techniken/Stile

Häufig werden die Länge der Videos oder die Inhalte mit den darstellerischen Techniken vermischt. Das ist aber wenig sinnvoll, denn prinzipiell können Inhalte auf unterschiedliche Arten vermittelt werden (Gott sei Dank!). Auf technischer Ebene gibt es z. B. folgende:

  • Legetechnik: Es wird von oben gefilmt, auf einer Fläche werden passend zum Sprechtext Bilder und kurze Texte eingeschoben.
  • Zeichentechnik: Analog zur Legetechnik wird eine Fläche gefilmt, auf der mit dicken Filzstiften Texte geschrieben oder Bilder gezeichnet werden. Berühmt geworden durch die Firma Explainity.
  • Stop Motion: Es werden viele stehende Bilder aufgenommen und zusammengefügt, sodass der Eindruck von Bewegung entsteht.
  • Video-Blog: Ein*e Sprecher*in steht oder sitzt vor der Kamera (meist in der Halbtotalen) und spricht. Er oder sie kann z. B. auch besprochene Gegenstände in die Kamera halten.
  • Realdreh: Ein Ort, Gegenstand, Versuchsaufbau bzw. eine Handlung etc. wird gefilmt, dazu wird durch eine*n Sprecher*in im Bild oder aus dem Off gesprochen.
  • Slides: Wie im Vortrag wird mit vorbereiteten Folien (z.B. Powerpoint oder Prezi) gearbeitet. Diese werden abgefilmt, während dazu gesprochen wird. Hängt stark zusammen mit:
  • Screencast: Mithilfe einer Software wird der Bildschirm abgefilmt, dazu wird gesprochen.
  • Animation & Trickfilm: Egal ob am PC oder per Hand hergestellt, durch Animationen werden Cartoon-Charaktere zu den Handelnden oder Erklärenden.

Selbstverständlich treten auch häufig Mischformen auf. Jede dieser Techniken lässt sich anschließend auch noch weiterbearbeiten und z. B. durch Schrift ergänzen.

Fazit?

Insgesamt sollte uns also klar sein, dass wir von ganz unterschiedlichen Videoformaten sprechen, wenn es um Lernvideos oder Erklärvideos – oder wie auch immer wir sie bezeichnen – geht. Dabei erachte ich es aber als unsinnig, jedem Format einen eigenen Namen geben zu müssen. Wir können sie eher als Varianten sehen, die durch verschiedene Bedingungen entstehen und höchst flexibel und anpassbar sind.

Ich werde hier also weiterhin von Erklärvideos als kurze, wissensvermittelnde Videos sprechen und verschiedene Varianten diesen unterordnen.

Und dabei ist das Format nicht ganz so neu, wie wir glauben: Kurze, visuell aufbereitete Erklärstücke spielten im Fernsehen schon eine Rolle, bevor es YouTube und andere Videoplattformen gab. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen den Do-it-ypourself-Formaten und Wissenssendungen im Bildungsfernsehen gibt, wird im nächsten Beitrag thematisiert.


Zitierte Literatur

  • Sperl, Alexander (2016): Qualitätskriterien von Lernvideos. In: Eva-Marie Großkurth und Jürgen Handke (Hg.): Inverted Classroom and Beyond. Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert. 1. Aufl. s.l.: Tectum Wissenschaftsverlag, S. 101–118.
  • Valentin, Katrin (2016): Potentiale des konzeptionellen Einsatzes von digitalen Video-Tutorials in der politischen Bildung. Online verfügbar unter https://transfer-politische-bildung.de/transfermaterial/veroeffentlichungen/mitteilung/artikel/potentiale-des-konzeptionellen-einsatzes-von-digitalen-video-tutorials-in-der-politischen-bildung/.
  • Wolf, Karsten D. (2015a): Bildungspotenziale von Erklärvideos und Tutorials auf YouTube. In: merz 59 (1), S. 30–36.
  • Wolf, Karsten D. (2015b): Video-Tutorials und Erklärvideos als Gegenstand, Methode und Ziel der Medien- und Filmbildung. In: Anja Hartung, Thomas Ballhausen, Christine Trültzsch-Wijnen, Alessandro Barberi und Katharina Kaiser-Müller (Hg.): Filmbildung im Wandel. Wien: new academic press (Mediale Impulse, 2), S. 121–131.
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3 Gedanken zu “Erklärvideos als Forschungsgegenstand (1): Wann ist ein Erklärvideo ein Erklärvideo?

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