#future19 – Zukunft Schule: Ideen gibt’s viele, Rezepte aber nicht

Letzte Woche fand an der Uni Köln die vom Zentrum für LehrerInnenbildung ausgerichtete Tagung „Zukunft Schule“ statt. Auf ihr waren diesmal mehrere Themen vereint: Digitalisierung, Bildungschancen, Arbeitsmarkt und Genderlead waren die großen Schwerpunkte. Dementsprechend groß war auch das Angebot an Keynotes, Workshops, Sundowner, Talks und Future Sessions (der Unterschied der einzelnen Formate ist mir nach wie vor nicht ganz klar, auch weil die Ausrichtenden offenbar ebenfalls alle etwas anderes darunter verstanden …).

In diesem Beitrag möchte ich einen Einblick in die Diskussionen und Lösungen geben – mehr als ein Einblick wird auch nicht möglich sein, schließlich musste ich eine Auswahl treffen. Und das war gar nicht so einfach. Mein persönlicher Schwerpunkt liegt eher auf den Fragen zur Digitalisierung und dem Lernen unter den Bedingungen der Digitalität. Beginnen wir mit den Diskussionen.

Thesen, Meinungen, offene Fragen: Glaubst du an das, was du tust?

Von der Zukunft der Arbeitswelt

(Keynote Inga Höltmann)

Sie ist uns allen nicht unbekannt, die These von der Evolution der Arbeit (nach F. Bergmann): Bisher schuften wir in einer 40-Stunden-Woche und verüben klassische Lohnarbeit, doch in Zukunft müssen wir weniger Arbeitszeit investieren, um zu überleben. Was passiert dann aber mit der zusätzlichen Zeit? Diese nutzen wir für Arbeit, die uns erfüllt. Klingt ganz wunderbar, oder?

Zudem arbeiten wir in Zukunft ortsunabhängig, zeitunabhängig und eigenverantwortlich. Das Publikum der future19 interessierte dabei vor allem eins: Trifft das auch auf Schule und Ausbildung zu? Sicher, wieso auch nicht? Aber zurück zur Arbeit der Zukunft: Was ist an dieser Art zu Arbeiten tatsächlich neu? Es ergeben sich:

  • neue Menschenbilder: die Rollen der Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden ändern sich, der Raum zu Entwicklung und Mitgestaltung vergrößert sich, die Produktivität steigt, Kontrolle der Arbeitnehmenden verringert sich.
  • neue Tools: Womit können wir am besten Miteinander arbeiten? Wie steht es um die Bereitschaft, diese zum Wissensmanagement und Austausch zu nutzen?
  • neue Führung: Organisation und Umgang mit Mitarbeiter*innen ändern sich.
  • neue Einstellungen: Vertrauen, Sicherheit, Bereitschaft werden zentral: Wenn ich gelernt habe, dass es für mich profitabler ist, mein Wissen für mich zu behalten, ist plötzliche Transparenz nicht möglich.

Diese Veränderungen werden durch digitale Elemente und Strukturen begünstigt. Die Rolle der Digitalisierung scheint jedoch vielen noch unklar zu sein: „Wir haben unser Unternehmen jetzt digitalisiert“ hört man immer noch viel zu oft. Doch:

Die Digitalisierung hört nicht irgendwann auf, sie ist kein Ziel, sondern ein Prozess (Inga Höltmann)

Universität und Lehrer*innenbildung heute

(Talk Dr. Hubertus Neuhausen, Sundowner Prof. Dr. Heidi Schelhowe, Keynote Prof. Dr. Michael Schratz)

Man hört es immer wieder: Aufgabe von Schule und Hochschule ist, Menschen auf diese neuen Bedingungen der neuen Arbeitswelt vorzubereiten. Dabei wird oft beklagt, dass ja noch unklar sei, wie diese Arbeitswelt von morgen aussehen soll. Klar sind aber die oben benannten Punkte: Die Arbeit von morgen setzt auf Kooperation, Vertrauen in die Mitarbeiter*innen und Mitgestaltung durch diese. Konkrete Fachinhalte können dabei weitestgehend egal sein, schließlich lässt sich Fachwissen am schnellsten aufholen (sage ich).

Dennoch sind die Lehrformate an Universitäten und somit auch in der Lehrer*innenausbildung ausgesprochen – nennen wir es – stabil. Überraschend ist, dass Universitäten heute ziemliche Software-Bunker sind. Geschützte Plattformen wie ILIAS und Moodle sind mit den Angeboten der freien Wirtschaft jedoch nicht vergleichbar und haben Nachteile (z. B. die Unbeliebtheit bei Studierenden). Ziel sollte daher sein, aus den vielen Software-Angeboten ein Ökosystem zu schaffen (wie es bei den sozialen Netzwerken der Freizeit ja auch klappt). Hier fehlt aber nebenbei gesagt auch ganz klar eine Anpassung in den Methoden und Arbeitsweisen, die Kooperation, Mitwirkung und Vertrauen widerspiegeln.

Die Digitalisierung ist keine Welle, die völlig spontan von außen über uns hereinbricht. Wir gestalten sie mit (Prof. Dr. Heidi Schelhowe)

Die Universität darf nicht nur durch Softwarelösungen virtualisiert werden, sondern muss ein Platz für Treffen, Orientierungen, Ideen, Verbindung von Theorie und Praxis durch Making sein. Nur dort haben wir die Freiheit, in geschützten Räumen Neues zu entwickeln und aus Fehlern zu lernen. In der Praxis ist das nicht mehr so einfach.

Und vor allem in der Lehramtsausbildung sollten wir beachten, dass Professionalität das Wissen ist, das tiefer geht. Das scheint insbesondere den Studierenden oft nicht bewusst zu sein. Ach, und eins noch: Lehrer*innen unterrichten später so, wie sie selbst unterrichtet wurden. Hochschullehrende sind also immer auch Vorbild.

Die Schule – von gestern

(Opening Talk, Keynote Prof. Dr. Michael Schratz)

Aber in der Schule sieht doch besser aus, oder? Schließlich hört man immer wieder von tollen Leuchtturmprojekten. Ja, schon. Projekte dürfen aber langfristig nicht nur Projekte bleiben, sondern müssen strukturiert und über große Flächen in die Breite gehen und verstetigt werden. Vorschläge dazu gibt es vor allem auf Twitter:

Schülerinnen und Schüler leben quasi in zwei Welten: zum einen in der privaten, digitalisierten Welt, zum anderen in der analogen Welt der Schule. Daran hat sich auch im Vergleich zur diggi17 nicht viel geändert. Also ja, es gibt viele neue Projekte – aber … siehe oben.

Typisches Mantra vieler Beteiligten ist immer noch „Das geht nicht, weil …“. Das ist oft Ausrede, ein Zeichen fehlender Bereitschaft, oft aber auch Zeichen von Angst. Im Opening Talk der Veranstaltung wird dafür plädiert, die Ängste aller Beteiligten vor Veränderungen zunächst auszuhalten. Denn solange Emotionen im Spiel sind, kommt man nicht auf die Sachebene. Aber wie lange sollen wir dann noch warten? Offenbar warten viele Lehrende und im Schulsystem steckende Akteure auf passgenaue Rezepte.

Zukunft? Ideen gibt’s jede Menge, aber doch keine Rezepte dafür (Prof. Dr. Michael Schratz)

Und Schratz setzt noch einen drauf:

Lehrer*innen sind wie Dealer; sie denken immer nur an ihren Stoff (Prof. Dr. Michael Schratz)

Notwendig sei daher ein Prozess der Verinnerlichung: Lehrende brauchen open mind, open heart, open will. Dass es das tatsächlich gibt und auch fleißig nach übergreifenden Lösungen gesucht wird, statt nur zu meckern, zeigen viele der Projekte, die auf der Tagung präsentiert wurden. Zwei möchte ich kurz vorstellen und auf weiterführendes Material verweisen.

Kurz vorgestellt: Projekte zur digitalen Bildung

digiLL- Ein Netzwerk zur Stärkung der Medienkompetenz in der ersten Phase der Lehramtsausbildung

(Workshop Björn Bulizek & Dr. Alexandra Habicher)

digiLL ist ein Netzwerk aus mehreren Hochschulen, das bisher ohne externe Fördergelder arbeitet. Zielgruppe des Projekts sind primär Studierende des Lehramts. In Kooperation werden OER-Lernmodule zum Thema Medienkompetenz durch die einzelnen Akteure in kleinen „Häppchen“ bereitgestellt. Es finden sich Inhalte zu OERs, zur Erstellung digitaler Lernmaterialien, zum sprachsensiblen Unterricht in bestimmten Fächern oder zum mobilen Lernen.

Es gibt zwar keinen Kooperationsvertrag, aber es wird sich um einheitliche Standards bemüht, wie die freie, barrierefreie Bereitstellung, die Konzeption kleiner Module und ein einheitliches Rahmendesign.

DiBiS (Bayern Edu) – Ein Fortbildungskonzept für die zweite Phase der Lehramtsausbildung und darüber hinaus

(Future Session Kai Wörner)

Das #twitterlehrerzimmer kennt das Projekt und seinen Gründer sicher schon: Ausgangspunkt von DiBiS (= Digitale Bildung in der Seminarausbildung) ist die Frage, was Lehrer*innen heute können müssen. Davon ausgehend wurden Mini-Fortbildungen geschaffen, die einmal die Woche in der zweiten Phase der Lehramtsausbildung stattfinden. Dazu gibt es einen Online-Wochenplan, der die Themen vorgibt und OER-Handouts, die auch für alle anderen nutzbar sind.

Die Themen decken in einem vielfältigen Spektrum sowohl grundlegende Fragen („Wie digital sind unsere Schüler wirklich?“) als auch konkrete Tools („H5P“) ab.

Mal ein bisschen ausführlich(er): Der Workshop zu Fake News

(Workshop Armin Himmelrath, Buch: Fake News. Ein Handbuch für Schule und Unterricht)

Spannend war schon der Einstieg: Uns wurde eine Definition von Fake News gegeben. Zunächst wurde nur gefragt, ob wir dieser zustimmen. Es gab mehrheitliches Nicken, nur wenig an einzelnen Formulierungen zu mäkeln. Im Anschluss wurde aufgedeckt, dass es sich hierbei um Hitlers Definition von Propaganda handelt. Die Definition umfasst die Punkte (verkürzt): Fake News

  • sind ungleich Wahrheit
  • begrenzen sich auf wenige Themen
  • haben einen geringen geistigen Anspruch
  • schüren Emotionen
  • vermeiden Differenzierungen
  • wiederholen regelmäßig ihre eigenen Grundsätze

Im Anschluss wird noch der Zusatz „Fake News sind in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen“ gegeben.

Bereits zur diggi17 diskutierte Prof. Dr. Renee Hobbs in ihrer Keynote darüber, warum sie den Begriff Fake News grundsätzlich vermeide. Während ihre Studierenden Fake News teilweise sogar als etwas einstufen, was auch aus Versehen in die Welt gesetzt werden kann, kam ihren Ansichten nach Propaganda nur im Nazi-Deutschland vor. Diese Einschätzungen fand Hobbs bedenklich und spricht seitdem ausschließlich von Propaganda. Hier finden sich viele großartige Materialien von ihr. Statt Fake News im Unterricht selbst zu produzieren, schlägt sie vor, stattdessen zu recherchieren, worin der wahre Kern einer Propaganda-Geschichte liegt.

So viel erst einmal zum Begriff. Ich spreche hier weiter von Fake News, so wurde es im Workshop auch gemacht. Im Workshop wurden anschließend drei Grundprinzipien von Fake News vorgestellt:

  • Siehste! (Bildmanipulation): Prägnant ist Relation von Text und Bild. Monströse Taten werden durch monströse Bilder bewiesen, selbst wenn diese z.B. durch Farbgebung manipuliert wurden. Bilder erzeugen hohe Emotionalität.
  • Wahnsinn! (Reichweiten erzeugen): Unübersichtliche Situationen werden ausgenutzt, man müsse schnell sein und an Emotionen appellieren („RT [=Retweet] please and pray!“).
  • Schon gehört? (grundsätzliches Prinzip von Medien): (Vermeintliche) Tabubrüche werden „aufgedeckt“ und überraschende Auflösungen gegeben.

Es kristallisieren sich mehrere Typen von Fake News heraus, z. B.:

  • Hybrid-Fakes sind idiologisch geprägt. Eine Kernwahrheit wird mit manipulativem Charakter verbreitet oder mit falschen Infos ausgeschmückt.
  • Fake News als Kampfbegriff dienen als abwertendes Label für missliebige Medien. Das Label „Lügenpresse“ funktioniert genauso.

Echte Schüler*innen im Workshop wurden dann auf skandalöse Weise dazu instruiert, selbst Fake News zu erstellen (Scherz, das wurden wir alle). Über FakeTrumpTweet.com haben wir dann tatsächlich Fake News zum Workshop erstellt, nachdem wir uns textuelle Grundmuster im Bullshit-Bingo anschauten.

Die Frage, wer eigentlich auf so etwas hereinfällt, wurde kurzgehalten. Es kann jeden treffen! Etwas gründlicher wurde dieser Frage aber bereits in Studien nachgegangen, die hier im MaiLab sehr schön zusammengefasst werden (und sie werden uns nicht gefallen):

Weitere tolle Projekte zum Thema wurden auch im Workshop wärmstens empfohlen und finden sich hier:

  • Tagesschau Faktenfinder: Hier werden Fake News recherchiert und gründlich mit Materialien unterfüttert.
  • Mimikama – zuerst denken, dann klicken: Kennen einige sicher noch von Facebook (also die alten Menschen hier unter uns) – es werden sowohl Fake News kurz und knackig wiederlegt als auch auf die Gefahren bei betrügerischen Gewinnspielen o. ä. hingewiesen.
  • Hoaxmap – Gerüchtesammlung: Fake News werden hier auf einer Karte dargestellt, mit weiteren Materialien wiederlegt und in einem größeren Kontext eingeordnet.
  • SWR Fakefinder: Funktioniert ähnlich wie die anderen Portale, ist aber als Spiel konzipiert. Wer erkennt die Fake News?

Die future19 zusammengefasst

Der Einblick ist natürlich sehr subjektiv und meine Darstellungen sehr selektiv – bei drei vollen Tagen inklusive Reisen mit der Deutschen Bahn kann man ja gar nicht alles mitnehmen. Deshalb empfehle ich noch weitere Zusammenfassungen und Rückschauen zur Tagung (die ich gerne auch noch ergänze, wenn Neues hinzukommt).

  • Hier gibt’s einen studentischen Rückblick von „school is open“, dessen Fokus mehr auf dem Thema Bildungschancen liegt.
  • Hier gibt’s eine eher chronologische Zusammenfassung der drei Tage.
  • Hier wirft Kai Wörner von DiBiS 24 Fragen zur Tagung auf, über die man auch mal mit seinen Studis und/oder Kolleg*innen ins Gespräch kommen könnte.
  • Und hier gibt es eine Zusammenfassung für die Ohren im Deutschlandradio.
  • Hier gibt’s eine Zusammenfassung auf dem Blog der Heidelberg School of Education, die auch den ersten Abend berücksichtigt (den ich zum großen Teil versäumt habe). [Ergänzt am 10.09.19]
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